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ERP-Systeme werden zu offenen Plattformen

von - 07.01.2020
ERP
Foto: Wright Studio / shutterstock.com
Die Anforderungen an das ERP der Zukunft sind hoch - für Anwender und Hersteller. Häufig setzen Unternehmen auf lokal betriebene ERP-Systeme zusammen mit cloudbasierten Speziallösungen.
Regellaufzeit von ERP-Systemen
(Quelle: Trovarit )
"Never touch a running system" - nach dieser Devise handeln viele Firmen beim Enterprise Resource Planning. Wer sich einmal für ein ERP-System entschieden hat, bleibt ihm meist sehr lange treu. Laufzeiten von zehn bis 15 Jahren sind die Regel. "Unternehmen tauschen ihr ERP-System nicht einfach so aus, da es historisch über mehrere Jahre gewachsen und individuell an spezifische Geschäftsprozesse und Anforderungen angepasst wurde. Es ist mit komplexen Rollen- und Rechtekonzepten verknüpft und bildet sozusagen die DNA des Unternehmens ab. Ein tiefer Eingriff oder gar der Austausch des ERP-Systems gleicht einer OP am offenen Herzen", sagt Frank Termer, Bereichsleiter Software beim Digitalverband Bitkom.
Das ERP-System ist tatsächlich mit dem Herzen eines Unternehmens vergleichbar. Es gibt die Geschäftslogik wieder, führt die wichtigsten Stamm- und Bewegungsdaten und dient als Datendrehscheibe für die meisten Software-Anwendungen. Neben dem klassischen Bereich der Finanzbuchhaltung bilden ERP-Lösungen mittlerweile auch die Geschäftsprozesse der zen­tralen Unternehmensbereiche ab, von Einkauf und Logistik über Personalwesen und Vertrieb bis hin zur Produktionsplanung.

Steigende Anforderungen

Im Kontext von Industrie 4.0 wird sich die Rolle des ERP-Systems als Datendrehscheibe und Integrations-Hub noch weiter verstärken. Es sammelt Marktdaten, Kundeninformationen, Lieferanten- und Produktdaten und verknüpft sie mit den Produktions- und Logistikdaten aus der Fertigungsebene und der Supply Chain. Mit dem Internet of Things (IoT) fließen zusätzlich noch die Sensordaten aus der Maschinenwelt mit ein. All diese Prozesse unter einen Hut zu bringen, ist alles andere als trivial. Die Liste der Anforderungen an ein modernes ERP-System ist deshalb lang. Es geht um Themen wie Verarbeitung und Analyse der wachsenden Datenflüsse - am besten in Echtzeit -, niedrige Latenzzeiten und ganz klassisch um die Sicherung der Daten und Prozesse.
"ERP-Systeme, wie wir sie heute vielfach kennen, werden sich in den nächsten fünf Jahren stark verändern. Das Geschäft unserer Kunden wird ungleich komplizierter. Neben überbetrieblichen Geschäftsabläufen mit einer wachsenden Verflechtung der Unternehmen innerhalb von Lieferketten sind überall datengetriebene Geschäftsmodelle auf dem Vormarsch. Das ERP-System muss als ‚Digital Core‘ der Unternehmens-IT die erhöhte Komplexität der digitalen Geschäftsabläufe abbilden, jedoch gleichzeitig wesentlich einfacher zu bedienen sein", erklärt Lars Landwehrkamp, CEO von All for One Group, unter der Marke All for One Steeb einer der führenden SAP-Dienstleister im deutschen Mittelstand.
Lars Landwehrkamp
Lars Landwehrkamp
CEO All for One Group
www.all-for-one.com
Foto: All for One Group
„ERP-Systeme, wie wir sie heute kennen, werden sich in den nächsten fünf Jahren stark verändern.“
Seiner Meinung nach ist die ERP-Entwicklung nicht mehr wie früher primär von neuen IT-Technologien getrieben, sondern vor allem durch den Transformationsdruck aus dem Business. Die ERP-Systeme der Zukunft müssten intelligent sein, agiles Arbeiten sowie Automatisierung erlauben, so Lars Landwehrkamp weiter. "Sie liefern nicht nur Echtzeitdaten, sondern auch Echtzeitanalysen. Das ist auch notwendig, denn Unternehmen müssen Trends zukünftig viel früher erkennen. Das alles unterscheidet sie erheblich von herkömmlichen ERP-Anwendungen."

Monolithen überfordert

Matthias Zacher, Senior Consulting Manager bei IDC, sieht das ähnlich. "Die Frage ist: Wie bekomme ich mit dem ERP-System die Komplexität aus dem Business in den Griff? Firmen müssen ihre Produkte schneller entwickeln, ihre Kunden besser ansprechen sowie ihre bestehenden Geschäftsmodelle wegen der Digitalisierung anpassen oder gar neu aufstellen. Auch die regulatorischen Anforderungen werden komplexer." Sie brauchen daher laut Matthias Zacher eine Lösung, die all das abbilden kann, Abläufe automatisiert und unterschiedliche Prozesse integriert. "Die klassischen ERP-Monolithen können das oft nicht leisten", konstatiert Zacher.
Denn traditionelle ERP-Systeme gelangen in der Praxis immer mehr an ihre Grenzen. Lange Zeit war die ERP-Welt relativ einfach. Firmen jeder Größe installierten eine breite ERP-Lösung, um alle Unternehmensbereiche mit durchgängigen Prozessen und einer gemeinsamen Datenverwaltung zu unterstützen. Deren großer Vorteil war und ist die Integration aller Software-Module in einer Gesamtlösung, die Workflows, Prozesse und Daten miteinander verknüpft.
Die Schattenseite: Klassische ERP-Systeme sind monolithisch und starr. Ihre Einführung war oft langwierig und teuer, und mit der Zeit wurden die Systeme durch viele tief greifende Anpassungen schwerfällig und unflexibel. Dadurch wurden auch Upgrades immer schwieriger. Kein Wunder also, dass Firmen sehr lange bei einem ERP-System bleiben. Dafür ist aber die Abhängigkeit vom jeweiligen Software-Hersteller hoch und die Anwender müssen der Strategie ihres ERP-Anbieters folgen.
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